Atlantropa
Eine vergessene Vision Europas
Weltbauen am Mittelmeer. Ein Architektentraum der Moderne
Im Jahr 1927 begann Herman Sörgel sich intensiv mit dem Mittelmeer zu beschäftigen, dessen komplizierter Wasserhaushalt ihn faszinierte.
Nachdem er im Jahr 1926 das Buch Outline of History von Herbert George Wells gelesen hatte, in dem dieser schrieb, dass es vor rund 50.000 Jahren in der Eiszeit kein Mittelmeer gegeben habe und
dass das Becken des Mittelmeers und das des Meers große Täler waren, die an ihren tiefsten Stellen möglicherweise eine Sennkette aufwiesen, wollte er ein gigantisches Projekt angehen. Dazu stelle
er sich vor, dass eine Gebirgsschranke bei Gibraltar die Wassermassen des Atlantiks zurückgehalten haben könnte, bis sie unter dem Druck des eiszeitlichen Schmelzwassers zusammengebrochen ist und
dass dadurch das Mittelmeerbecken bis zur heutigen Küstenlinie überflutet wurde.
Absenkungsvorgang. Zeichnung von Hans Döllgast an der TU- Münchnen 1930
Das Mittelmeer ist im Gegensatz zum Atlantik wenig bewegt, liegt in einer wärmeren Klimazone und hat als Verdunstungsmeer Ähnlichkeit mit einem stetig dampfenden Becken. Um das Verdunstungsmeer
auszugleichen, genügen weder die jährlichen Niederscläge durch Regen noch der vergleichsweise spärliche Wasserzufluss aus dem Schwarzen Meer und den großen Flüssen wie dem Po, der Rhone und dem
Nil. Der Wasserspiegel des Mittelmeers bleibt immer konstant, weil durch die Meerenge von Gibraltar das Wasser vom Atlantik in unbegrenzter Menge nachfließt. Als Sörgel seine ersten Gedanken für
die Absenkung des Mittelmeers entwickelt hatte, erschien Ende 1927 das Buch Die Straße von Gibraltar von Otto Jenssen mit präzisen ozeanographischen Daten:
In jeder Sekunde fließen 88,000 Kubikmeter Wasser, das zwölffache Volumen der Niagarafälle aus dem Atlantik ins Mittelmeer mit einer westlichen Strömung. Ein kaum merkliches Gefälle, das sich von Gibraltar bis zum Nildelta ersteckt, sorgt für den Abfluß des Wassers bis zum Verdunstungsschwerpunkt, welcher zwischen Zypern und Ägypten liegt.
In seinem Buch stellte Otto Jenssen fest, das das Mittelmeer nur als Glide des Ozeans lebensfähig ist und dass die Strasse von Gibraltar die Ader ist, welche ihm beständig Nahrung und neues Blut aus der Lebensquelle “Atlantik” zuführt. Würde man diese Verbindung zerbrechen, so das Mittelmeer absterben - schon eine vorübergehende Schließung der Strasse von Gibraltar wäre ausreichend, um die Natur des gesamten Mittelmeerraums zu verändern.
Herman Sörgel war nach allen diesen Informationen bereit, seine eigenen Ideen nochmals hinsichtlich der Absenkungsidee des Mittelmeers zu überarbeiten. Er dachte dabei in diesem Zusammenhang an
einen zweistufigen Prozess. Die erste Stufe war der Bau des Gibraltardammes zum Westen hin mit einer Breite von 14 Kilometern und einer Meerengentiefe von 300 Metern, Ein am Damm aufgestelltes
riesiges Wasserkraftwerk würde eine ungeheure Menge Energie produzieren und wäre gleichzeitig das weltweit größte Kraftwerk. Die zweite Stufe war einer Sperre zwischen dem östlichen Mittelmeer
und dem Schwarzen Meer, um es zu schließen.
Das Mittelmeer nach der Absenkung. Nach Visualsierung an der TU-Darmstadt 2004
Dafür plante er einen zweiten Staudamm an den Dardanellen, der im Vergleich zu Gibraltar mit geringerem Aufwand herzustellen war. Bei Sperrung aller Zuflüsse, die als letzte Stufe zu betrachten
war, würde der Wasserspiegel um 165 Zentimeter in jedem Jahr sinken. Dies würde für jeden Anrainerstaat des Mitttelmeers je nach Lage eine unterschiedliche Absenkung des Meeresspiegels
bedeuten. Die Absenkung würde sich anschließend auf Grund der Verdunstung von selbst fortsetzen.
Die Konsequenz aus der Verwirklichung von “Atlantropa” wäre gewesen, dass sich die Küsten ohne Ausnahme verschoben hätten, außer denjenigen, welche an steil abfallenden Ufern angesiedelt sind. Der größte Teil der flachen Adria und Ägäis wären verschwunden und im Endeffekt wären viele Inselgruppen zusammengewachsen wie z.B. Malta Mit Sizilien und Mallorca mit Menorca, während andere Inseln sich teilweise dem Festland genähert hätten, wie z.B. Djerba, Elba und Zypern.
Weiter wäre eine gigantische Landgewinnung von nicht weniger als 567,000 Quadratkilometer entstanden. Diese zusätzliche Fläche hätte zur Urbarmachung und Nutzung eingesetzt werden können und zwar
um den realen Hunger genauso wie den Landhunger der europäischen Völker zu stillen. Darüberhinaus hätte eine riesige Energiemasse aus den geplanten Wasserkraftwerken gewonnen werden können. Die
Ausrechnungen wurden auf maximal 110,000 Megawatt betziffert, wovon 49,000 Megawatt auf Gibraltar entfallen. Im Vergleich zu allen deutschen Kraftwerken des Jahres 1927 wäre dies viereinhalbmal
mehr Energie gewesen oder 120% der Leistung aller deutschen Elektrizitätwerke im Jahr 1992. Herman Sörgel selbst ging davon, dass diese Gesamtenergie für eine dauerhafte Strombedarfsdeckung aller
europäischen Länder ausreichen würde.
Mittelmeer-Werke. Zeichnung: Meisterklasse Hans Döllgast an der Technischen Hochschule München.
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